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NEWS » General » Deutsch-Polnische Grenzerfahrung

Monday, May 10 @ 17:10:54 - (6257 hits)

Diese Seite soll eine Warnung für alle Philatelisten (sowie Sammler und Forscher anderer Gebiete) sein, die polnische oder deutsch-polnische Geschichte anhand von Dokumenten oder Anschauungsobjekten sammeln. Das polnische Kulturgesetz verbietet die Ausfuhr von allem was über 50 Jahre alt ist (die Grenze verschiebt sich damit täglich). Damit wird alles, was älter als 50 Jahre ist unter Denkmalschutz gestellt. Dieses Gesetz bietet damit den Zollbeamten an den Grenzen die Freiheit bzw. das Recht, alles zu beschlagnahmen was älter als 50 Jahre ist. Dies führt mitunter zu grotesken Beschlagnahmungen, die im weiteren auch als Beispiel herangezogen werden sollen. In vielen Fällen führt dies zu einer Enteignung. Die Auswirkungen für Europäer (im besonderen für uns Deutsche) werden nachfolgend anhand der des noch offenen Verfahrens einer Beschlagnahmung im Juni 2005 von 255 Briefen und Karten aus der Zeit 1939-45 deutlich.

Juni 2005: Auf Geschäftsreise nach Wroclaw nehme ich einen Posten von 255 Belegen mit um mich am Abend im Hotel mit einigen polnischen Philatelisten zu treffen die ich bisher nur per eMail, Telefon oder Messen in Deutschland kenne. Der Posten wurde mir von einem guten Bekannten zur gegeben um diesen scheinbar unbedeutenden Posten nach evtl. interessanten Stempel oder anderem forschungsgeschichtlich wertvollen zu durchsuchen.


Gedankenlos packe ich diesen Posten ein um für die Gespräche auch etwas zum anfassen dabei zu haben. Leider erhielt ich von den polnischen Philatelisten nur absagen, so dass ein Termin nicht zustande kam. Auf der Rückreise am Flughafen Wroclaw habe ich meine Computertasche auf den Scanner gelegt und danach hat eine Zöllnerin in der Tasche gewühlt. Sie nahm eines von 5 braunen DINA5 Kuverts und entdeckte dort einige Briefe aus dem Generalgouvernement 1939-45. Ich sagte ihr - naiv wie man sein kann - dass ich noch vier weitere hätte. Ich wurde dann in ein Büro gebracht, alles wurde aufgenommen und ich wurde ohne den Posten Briefe wieder nach Hause geschickt mit der Info, innerhalb von 2 Monaten würde man sich bei mir melden.


Ich habe zuhause sofort die Deutsche Vertretung in Wroclaw informiert und die auch Recherchen unternahm. Über 3 Jahre ging das so, dass mich die Vertretung informierte, dass der Posten mal bei der Polizei, dann bei der Staatsanwaltschaft, dann wieder in einem Museum zur Auswertung war. Zwischenzeitlich bat ich die Polnische Botschaft in Berlin um Hilfe, schickte dem nun bekannten Staatsanwalt mehrere Faxe in Deutsch, Englisch und Polnisch und informierte den polnischen Ombudsmann für Rechtsangelegenheiten im EU Parlament. Alles blieb ohne Antwort. Als ich die Info erhielt, dass der polnische Staat dieses unterstützt und auch eine Enteignung nach der Verjährung passieren wird schaltete ich einen Anwalt ein. Ohne diese Aktivitäten von mir wäre der Briefposten stillschweigend in irgendeinem Museum verschwunden.
Nach über 4 Jahren gab es in Wroclaw (persönliches Erscheinen von mir) eine Anhörung bei der Staatsanwaltschaft. Ich brachte meine Geschichte vor, legte die das Schreiben meines Bekannten vor, dass er die Sammlung gekauft hat und der Eigentümer ist. Nach eigenen Recherchen konnte ich den Händler, der den Posten verkauft hatte ausfindig machen und auch von ihm die Eidesstattliche Aussage erhalten, dass er diese Sammlung in Deutschland gekauft und an meinem Bekannten verkauft hatte. Er konnte mir nun vor einigen Monaten sogar seine Rechnung geben, wo er den Posten erworben hatte (eine lange Kette).
Somit war ich bei meinem 1. Gerichtstermin in Wroclaw nach über 4 1/2 Jahren zuversichtlich und erwartete eine Strafe wegen nicht angemeldeter Ein- und Ausfuhr von 255 Briefen bzw. Karten im Gesamtwert von ca. 1100 - 1500 Euro (belegbar durch Rechnungen und die 1. Expertise die die polnische Staatsanwaltschaft in Auftrag gab).


Nun wurde das Blatt im Gericht gedreht. Es war völlig egal woher der Posten kam, wem er gehörte und wie er nach Polen kam. Die Staatsanwaltschaft versuchte nicht meine Schuld zu beweisen sondern ich sollte die Unschuld beweisen. Ich fühlte mich vor Gericht im Verhör wie ein Mörder. Die 255 Belege mit einem Durchschnittswert von 4-8 Euro (neue 5.000 Euro teure Expertise der Staatsanwaltschaft schätzt nun den Wert der Belege auf ca. 20.000 Zloty) wurde dem Raub griechischer Amphoren oder den Pyramiden in Ägypten gleichgestellt (wortwörtlich). Ich wurde als Dieb polnischen Kulturbesitzes dargestellt.
Nun geht es im Mai 2010 weiter. Verhört und persönlich anreisen müssen nun meine Frau, mein Bekannter dem die Sammlung gehört und der polnische Philatelist (der andere ist bereits gestorben). Im Juni 2010 werden die Sachverständigen der neuesten Expertise angehört. Die Gerichtskosten übersteigen bereits vor diesen Terminen den Wert des Postens um ein Vielfaches (ca. 10.000 Euro im Moment). Es wird nun ein politisch motivierter Prozess.
Ein Aufgeben - das vermutlich durch die Zermürbung erreicht werden soll - würde bedeuten ich verschenke den Posten meines Bekannten und bezahle die Gerichtskosten sowie eine Strafe in Höhe eines Monatsgehaltes. Ein Durchhalten bis zur EU wäre ein sehr sehr langer Weg würde aber nach Meinung meines Anwalts und weiterer Prozessbeobachter einen Freispruch nach sich ziehen.



Ich würde mich über Hilfe freuen.


Wer hat so etwas bereits durchgemacht?

Wer kann mir empfehlen was ich tun kann um diesen Kreislauf zu durchbrechen?

Sind wir Sammler und Forscher Deutsch-Polnischer Philatelie alle Verbrecher?

Bei all den Reisen und Anwaltskosten bin ich auch für finanzielle Hilfe dankbar. Einen Rechtsschutz gibt es dafür nicht.

Ein Verbreitung dieser Informationen (stelle gerne weitere zur Verfügung) in Zeitungen und Fach- Zeitschriften ist durchaus erwünscht. Bitte nur mit Rückfrage.


Vielen Dank

michaelschweizer@t-online.de


Seither habe ich erfahren müssen, dass Bilder und sogar ein deutscher VW-Käfer an der Grenze beschlagnahmt wurden, da dieser unter das Denkmalgesetz fällt. Es dürfte hier System sein so zu verfahren.


Wenn ich einen Blick auf mein Fachgebiet (Generalgouvernement 1939-45) werfe, stelle ich fest, dass wir in der Forschung mindestens 2 Schritte weiter sind als die polnischen Philatelisten. Wir haben als Arbeitsgemeinschaft Generalgouvernement sowie ich als Prüfer und Sammler jederzeit alle verfügbaren Informationen polnischen Interessierten zur Verfügung gestellt, auch wenn es sehr oft eine Einbahnstrasse war. Unsere Bücher wurden übersetzt oder Auszüge mit und ohne Referenzangaben entnommen.


Man kann wirklich sagen, ohne unsere Forschung in Deutschland wäre die polnische Forschung auf diesem Gebiet noch nicht einmal da wo sie heute ist. Dieses Gesetz, das in allen Europäischen Ländern existiert aber wohl komplett unterschiedlich gelebt bzw. ausgelegt wird, könnte bei einer umfangreichen Information in Deutschland und Europa dazu führen, dass sich die Polen mit "Ihrem" Kulturgut inzestiv selbst beschäftigen müssen.


Ist es für die polnische Kultur hilfreich, wenn man die Bevölkerung bei einem Verkauf einer postgeschichtlich interessanten Sammlung über den Warschauer Aufstand so hochstachelt, dass die Kinder in Warschau für den Erwerb dieser Sammlung auf den Strassen Geld sammeln und der Staat (bzw. Museum) diese Sammlung nach rechtlicher Prüfung für ein mehrfaches des tatsächlichen Marktwertes dann erwirbt? Glaubt man in Polen wirklich, dass dies im Rest Europas keiner merkt?


Trotz allem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass das Generalgouvernement eine gemeinsame (wenn auch sehr traurige) Deutsch-Polnische Geschichte darstellt.


14 April 2010

Michael Schweizer

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